Interview zu Feminismus und Frauenkampf

Zum diesjährigen 1.Mai haben wir zwei Frauen aus Villingen-Schwenningen über Frauenkampf und Feminismus interviewt und über ihre politische Arbeit hier vor Ort auch im Verhältnis zu Revolution und Klassenkampf gesprochen. Der 1.Mai als zentraler Kampftag der Arbeiter:innenklasse steht für den Kampf um eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung, und damit auch für die Befreiung der Frau. Weltweit stehen Frauen an der Spitze von Protesten und machen deutlich, dass der Kampf der Frauen um Befreiung zentraler Teil revolutionärer Politik ist.

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Zuerst mal: Wollt ihr euch kurz vorstellen, wo ihr herkommt und wo ihr politisch aktiv seid?

Lara: Ich bin Lara, und seit es das 8.März Treffen seit ein paar Jahren gibt vor allem dort aktiv. Angefangen haben wir damals als Bündnis, vor allem um die Demo zum Frauenkampftag am 8.März zu organisieren. Aber schnell kam die Frage auf, wie und wo wir eigentlich darüber hinaus zusammenkommen können, und was wir gemeinsam auf die Beine stellen und entwickeln wollen. Uns war von Anfang an wichtig, einen eigenen Raum zu schaffen: ein Treffen von Frauen für Frauen. Denn egal wie unterschiedlich unsere Lebensrealitäten sind, viele Erfahrungen teilen wir. Das zentrale Thema im Treffen ist deshalb auch der Kampf gegen Unterdrückung und gegen Gewalt an Frauen, wir Frauen nehmen es selbst in die Hand und kämpfen zusammen für unsere Befreiung.

Elena: Ich bin Elena und wenn ich mich in drei Sätzen beschreiben müsste würde ich sagen: Ich bin Kommunistin, ich bin irgendwie Arbeiter:in, nicht mit „Blaumann“ in der Industrie – ich arbeite in der Pflege, und ich sehe, dass die Verhältnisse in denen wir leben so nicht funktionieren: Armut, Krieg und Gewalt stehen riesigem Reichtum gegenüber.

Ich bin beim 8. März Treffen mit dabei und darüber hinaus in der Linken Aktion VS organisiert, auch um eine bundesweite kommunistische Organisierung mit voran zu bringen. Mit der 1.Mai Zeitung haltet ihr einen Teil davon in den Händen.

Ihr habt gerade schon von Gewalt gegen Frauen gesprochen. Das Thema wird immer wieder dankbar von Rechts aufgegriffen, was sagt ihr dazu?

Elena: Naja, die Gewalt gegen Frauen wird von den Rechten eigentlich nur zum Thema gemacht, wenn es ihnen in den Kram passt. Also wenn sich daran irgendwie ihr Hass gegen Migranten, also das Feindbild transportieren lässt. Es geht da ja nicht darum tatsächlich Gewalt gegen Frauen zu thematisieren, sondern einfach darum ihren Rassismus nach außen zu tragen. Es gibt doch aktuell ein relativ prominentes Beispiel, da gibt sich ein Mann über Jahre hinweg als seine eigene Ehefrau aus und verschickt gefälschte Nacktfotos von ihr und sexuelle Gewalt gegen Frauen wird daraufhin in den Medien thematisiert. Und statt darauf einzugehen, lenken ein Kanzler Merz oder Ministerin Julia Klöckner die Debatte um und machen Migranten verantwortlich. Gewalt gegen Frauen interessiert die Rechten nur, wenn man sie für die eigenen rassistischen Narrative instrumentalisieren kann.

Lara: Ja, da stimme ich zu, sonst müssten die Rechten und Konservativen ja auch mal über die Kleinfamilie und über traditionelle Werte und Rollenzuschreibungen reden. Die Frau in der Küche, dem Mann untergeordnet, soll sich um Haushalt und Kinder kümmern – das sind ja die Bilder die sie transportieren. Aber Gewalt gegen Frauen ist ja gerade in diesen, in ihren traditionellen Strukturen ein Problem – das sagt auch jede halbwegs vernünftige Statistik. Für uns ist der feministische Kampf klar gegen rechts gerichtet, Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter und hat rein garnichts mit der Herkunft zu tun.

Der Begriff Feminismus ist groß, und ich würde mal sagen auch umkämpft. Was haltet ihr von z.B. Schwarzer, Baerbock, ..?

Elena: Ich sags mal so, der Unmut zum Feminismus in den letzten Jahren kommt nicht von ungefähr. Schwarzer und Baerbock sind gute Beispiele, wie der Feminismus durch den Dreck gezogen wird. Für uns ist das aber auch ein Anlass, klarer zu benennen, was wir darunter verstehen – und was eben nicht.

Gerade beim Militarismus oder dem aktuellen Rechtsruck zeigen sich da deutliche Unterschiede. Für uns heißt Feminismus, sich konsequent auf die Seite der Frauen zu stellen, und dabei keine doppelten Standards zu machen, also keinen Unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Frauen. Genauso heißt Feminismus stets hinter Frauen und ihren Kämpfen zu stehen und Frauenrechte nicht nur dann zu betonen, wenn es in die politische Agenda passt. Für uns heißt Feminismus auch Selbstbestimmung und die Freiheit über den eigenen Körper und das eigene Leben zu entscheiden. Aber echte Entscheidungsfreiheit hängt stark von den sozialen und finanziellen Bedingungen ab. Wer sich Sorgen um die eigene Existenz machen muss, wer Kinderbetreuung, Lohnarbeit und Care-Arbeit kaum vereinbaren kann, trifft Entscheidungen nicht unter freien Bedingungen. Deshalb gehört für uns zum Recht auf Selbstbestimmung auch der Kampf für ein Leben frei von materiellen Zwängen, ohne Sorgen um die Zukunft. Feminismus heißt für uns deshalb grundlegend für die Befreiung der Frau zu kämpfen und dabei sind auch internationale Kämpfe maßgebend, egal ob in Südamerika, Gaza oder dem Iran.

Der 8. März liegt nicht so weit zurück, was ist der 8.März für euch, und wie sieht eure Arbeit dazu eigentlich aus?

Elena: Der 8.März ist für uns kein Feiertag, für uns ist der 8. März ein Kampftag mit einer klassenkämpferischen Geschichte. Erkämpfte Rechte von uns Frauen erscheinen uns oftmals als selbstverständlich, aber es ist noch garnicht so lange her dass sie erkämpft wurden, und mit dem aktuellen Rechtsruck werden eben diese Dinge nun wieder angegriffen. Die gilt es zu verteidigen. Natürlich müssen wir den Zusammenhang sehen, zwischen patriarchaler Unterdrückung der Frauen und den gesellschaftlichen, historischen aber eben auch den aktuellen Verhältnissen in denen wir leben. In diesem System wird es keine tatsächliche Befreiung geben können, wir müssen an den Verhältnissen rütteln! Aber wir können auch sehen: Es ist beispielsweise kein Naturgesetz dass Frauen weniger verdienen. Wir kämpfen im hier und jetzt ganz direkt für Verbesserungen.

Lara: Ja genau, deshalb sind wir auch in unserer Mobilisierung für den 8.März ans Klinikum oder zum Conti in Villingen gegangen, um mit den Frauen ins Gespräch zu kommen. Viele Arbeiterinnen kennen ungleiche Löhne, hohe Arbeitsbelastung und mangelnde tatsächliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gemeinsam können wir dagegen kämpfen. Gleichzeitig müssen wir sehen, dass diese Probleme oft strukturelle Ursachen haben und die meisten Frauen ähnliche Erfahrungen machen. Es hat Bedeutung, unsere gemeinsame Stärke zu erkennen und zu nutzen, deshalb ist der 8.März wie auch der 25.November (Tag gegen Gewalt an Frauen) für uns auch ein Anlass, diese Kämpfe im öffentlichen Raum, dort wo die Auseinandersetzung stattfindet, sichtbar zu machen und weiter voranzutreiben.

Ihr sagt, das Problem ist das Patriarchat und das muss weg. Jetzt kann ich mir gut vorstellen, dass sich einige Leute, wahrscheinlich in erster Linie Männer, davon angegriffen fühlen?

Lara: Ja wir sagen, das Problem ist das Patriarchat, das kann man nicht einfach gleichsetzen mit das Problem sind die Männer. Das Patriarchat wirkt sich genauso auf Frauen aus, uns wird zB: von kleinauf beigebracht wie wir zu sein haben, wie sich Mädchen benehmen und wie Jungs sein müssen. Wir wollen eine Welt in der alle, egal welches Geschlecht, gleich sind und niemand aufgrund des Geschlechts diskriminiert wird.

Elena: Vor allem werden ja nicht nur Frauen im Kapitalismus ausgebeutet, aber Frauen eben doppelt: Bei der Arbeit schlechter bezahlt und abgewertet und obendrauf wird uns gesellschaftlich notwendige Arbeit, Reproduktion, Erziehung, Haushalt und dergleichen aufgehalst. Mir ist noch wichtig zu sagen: Das Patriarchat und patriarchale Gewalt macht nicht vor Frauen halt, besonders betroffen sind auch queere und homosexuelle Menschen. Wenn wir zusammen diese Verhältnisse über den Haufen werfen wollen, dann sind wir im Kampf dafür natürlich verbündet mit den Männern unserer Klasse. Ja, Frauenkampf ist natürlich auch der Kampf für Befreiung aller Menschen. Aber Frauenkampf ist keine Nächstenliebe, wie kämpfen allem voran für die Befreiung der Frau.

Und wie handhabt ihr das konkret in euren Räumen und Aktionen?

Elena: Daraus schließt sich für uns, dass Frauen einen eigenen Raum brauchen in dem wir aktiv sein können, in dem wir uns zusammenschließen und organisieren können. Es ist ja kein Automatismus das mit einer sozialistischen Revolution sich einfach alles von allein erledigt. Diese Herrschaftsform sitzt tief in unseren Köpfen, in unseren Sozialisierung, besteht es doch schon mehrere Jahrtausende und das wird nochmal ein langer Kampf – sich damit jetzt schon auseinander zu setzten, wie bereits viele vor uns, und uns zu organisieren ist eine Notwendigkeit.

Lara: Beim 8.März Treffen, haben wir einen offenen Raum in dem wir gemeinsam, als Frauen, diskutieren und planen können. Den braucht es so auch, denn oft wird politischer Aktivismus und Austausch in der Gesellschaft als eine „männliche Eigenschaft“gesehen, wir halten uns aus politischen Themen eher zurück, vielleicht weil wir denken wir haben zu wenig wissen oder wir sind unsicher, oder schlicht weil uns das so erzählt wird. Unter Frauen können wir eher Fragen stellen, diskutieren, es ist auch eine andere Art und Weise wie wir miteinander umgehen – wir wollen selbstorganisiert und selbstbestimmt arbeiten, sprechen und austauschen, ohne dass Männer uns die Welt erklären. Wir nehmen uns den Raum den wir brauchen und in dem wir uns sicher fühlen und dafür Fragen wir nicht um Erlaubnis. Gerade beim Thema sexualisierte Gewalt wird das nochmal deutlicher, finde ich.

Am 8.März waren auch noch die Landtagswahlen angesetzt. Was sagt ihr zu den Wahlen?

Lara: Wir waren nicht so erfreut darüber, dass die Landtagswahlen auf den Frauenkampftag fallen. Manche von uns waren zwar wählen, aber wir setzen unsere Hoffnung nicht darauf, dass sich durch Wahlen alle paar Jahre etwas verändern wird. Das Patriarchat lässt sich nunmal nicht einfach wegwählen. Es ist ein patriarchaler Staat, der patriarchale Gesetzte macht, Gesetze und Repression die von Bullen und Gerichten durchgesetzt werden… Wollen wir was ändern, können wir nicht darauf bauen und darauf vertrauen – es braucht einen Bruch mit dem Bestehenden.

Elena: Manches ja auch dankbar. In der Wahlkampfphase gab es schon viele politische Debatten. Und zum Beispiel der Herr Hagel von der CDU hat nochmal ein Paradebeispiel dafür abgeliefert, wie tief Sexismus und das Patriarchat in den Köpfen steckt. Eigentlich ist es unumgänglich darüber zu reden, vor allem weil das nur ein Beispiel für eklige Männer ist, wie wir sie alltäglich kennen.

Lara: Ja genau, das Thema wurde ja auch hier in VS aufgegriffen, mit umgestalteten CDU Plakaten, die den Sexismus von Hagel und co klar benennen und dem ganzen den Kampf ansagen, das haben bestimmt auch manche von euch gesehen. Ich fand die Aktion echt gut, denn sie zeigt klar, dass wir uns den Scheiss nicht einfach gefallen lassen.

Danke euch. Und für alle Frauen die sich aktiv einbringen wollen ist das 8.März Treffen die passende Adresse.

Lara: Wir haben es im Laufe des Gesprächs ja schon öfters erwähnt: Alle kennen und begegnen in ihrem Alltag ekligen Männern, dummen Sprüchen. Zusammen sind wir einfach stärker. Frauenkampf ist eine Haltung die nicht erst bei irgendwelchen Treffen anfängt, sondern sich durch das Leben zieht.

Noch eine Sache: Wenn wir von Frauen Sprechen meinen wir alle die als Frau gesehen und aufgrund davon ausgebeutet und abgewertet werden.

Elena: Aber natürlich ist es darüber hinaus auch wichtig, sich zu organisieren und zu ebenjenen Treffen zu gehen. Es kennen nämlich auch alle Frauen die Verhältnisse in denen wir leben. Die neoliberale Lüge, jede sei ihres Glückes Schmied bringt uns da garnichts, es braucht kollektive Antworten statt der Suche nach dem individuellen Glück.